200 Megatonnen. Fünfmal. Im Handgepäck.
Im Film kommt irgendwann der Moment, in dem klar wird: Die letzte der fünf 200-Megatonnen-Bomben reicht wohl nicht aus, um den Erdkern wieder in Rotation zu versetzen. Also beschließt man, zusätzlich noch das restliche Spaltmaterial des Antriebs neben die Bombe zu stellen, um „die Wirkung zu verstärken“.
Da muss man kurz durchatmen.
Zunächst: 200 Megatonnen.
Die stärkste je gezündete Bombe war die sowjetische „Zar-Bombe“. Rund 58 Megatonnen TNT-Äquivalent. Theoretisch wären etwa 100 Megatonnen möglich gewesen, aber selbst das war so unpraktisch, dass man aus Gewichts- und Fallout-Gründen darauf verzichtete. Dieses Monster wog etwa 27–28 Tonnen.
Eine 200-Megatonnen-Bombe wäre also kein metallischer Schuhkarton, den man mal eben ins U-Boot legt. Sie wäre ein logistisches Großprojekt mit eigener Postleitzahl.
Nebenbei: Eine 200-Megatonnen-Bombe ist keine klassische Atombombe. Das geht physikalisch nicht. Reine Kernspaltungsbomben sind in ihrer Sprengkraft stark begrenzt, weil man sonst schlicht die kritische Masse überschreitet und das Material unkontrollierbar reagiert. Solche Energien sind nur mit Fusionsbomben erreichbar – also Wasserstoffbomben, bei denen eine Spaltungsbombe als Zünder dient.
Das ist technisch extrem komplex. Aber nehmen wir großzügig an: Man hat fünf dieser Ungetüme.
Und dann kommen die drei Streichhölzer
Jetzt wird es poetisch.
Um die Wirkung zu erhöhen, stellt man zusätzliches spaltbares Material neben die Bombe. Das ist ungefähr so, als würde man einen LKW randvoll mit TNT beladen – und dann noch drei Streichhölzer hinter die Windschutzscheibe klemmen, „für mehr Wumms“.
Eine Fusionsbombe ist kein Lagerfeuer, dem man mit ein bisschen Brennholz auf die Sprünge hilft. Sie ist ein präzise abgestimmtes System aus Stufen, Kompression, Neutronenfluss und Zeitsteuerung im Mikrosekundenbereich. Ein Zylinder mit Uran daneben wirkt da ungefähr so beeindruckend wie ein Teelicht neben einem Hochofen.
Eine Gigatonne? Klingt beeindruckend.
Fünf Bomben à 200 Megatonnen ergeben eine Gigatonne TNT-Äquivalent. Das klingt nach Weltuntergang. Und ja – für alles, was wir auf der Erdoberfläche kennen, wäre das verheerend. Das entspricht grob dem 200-fachen der gesamten im Zweiten Weltkrieg eingesetzten Bombenenergie (konventionell und nuklear zusammen).
Aber jetzt kommt der entscheidende Punkt:
Der Erdkern ist kein Gartenhäuschen. Die Erde hat einen Durchmesser von rund 12.700 Kilometern. Klingt handlich. Man kann das im Auto in einem Jahr locker zusammenfahren. Das Problem ist: Volumen wächst mit der dritten Potenz. Die Erde hat ein Volumen von etwa einer Billion Kubikkilometern.
Der innere Kern hat einen Radius von rund 1.220 Kilometern. Seine Masse liegt bei ungefähr 10²³ Kilogramm. Und er rotiert – mit enormer Trägheit. Wer wissen will, wie schwer es ist, so etwas in Drehung zu versetzen, muss sich den Drehimpuls anschauen. Und der ist… sagen wir: respektabel.
Rechnet man das grob auf TNT-Äquivalent um, landet man im Bereich von mehreren Teratonnen.
Teratonnen. Nicht Megatonnen. Eine Teratonne sind eine Million Megatonnen. Man bräuchte also zehntausende 200-Megatonnen-Bomben, perfekt positioniert, perfekt synchronisiert, mit perfekter Energieübertragung – und selbst dann wäre noch nicht gesagt, dass man signifikant Drehimpuls erzeugt.
Und jetzt kommt der eigentliche Killer:
Explosionen erzeugen keinen Drehimpuls
Eine Explosion breitet sich kugelförmig aus. Die Druckwelle wirkt radial – also in alle Richtungen gleichmäßig vom Explosionszentrum weg. Um einen Körper in Rotation zu versetzen, braucht man ein Drehmoment. Eine Kraft, die nicht durch den Massenmittelpunkt wirkt. Eine symmetrische Druckwelle, die durch das Zentrum eines Körpers geht, erzeugt kein Drehmoment. Sie drückt. Sie schiebt. Sie zerreißt. Aber sie dreht nicht. Man könnte die Erde sprengen – aber nicht anschubsen. Das ist kein Detailfehler. Das ist kein „Ach, Physik ist halt kompliziert“. Das ist ein fundamentaler Denkfehler.
„Aber es ist doch nur ein Film!“
Ja. Natürlich.
Und ich verlange keine Simulation auf NASA-Niveau. Ich verlange nur, dass ein Plot zumindest im entferntesten Rahmen physikalischer Realität bleibt. Hier ist er nicht knapp daneben. Er ist nicht „kreativ ausgelegt“. Er ist konzeptionell unrettbar. Die Erde ist kein Motor, den man mit ein paar gezielten Explosionen wieder anschmeißt. Und selbst wenn man die nötige Energie hätte – die Mechanik würde es verhindern.
The Core ist kein Film über Geophysik. Es ist ein Film über Durchhalteparolen, Pathos und Menschen, die mit sehr ernster Miene Dinge sagen, die man nicht einmal in einer 10.-Klasse-Klausur durchgehen lassen würde.
Aber gut. Ohne solche Filme hätten wir keine Gelegenheit, über Drehimpuls, kritische Masse und Teratonnen zu sprechen.
Und das wäre dann ja auch schade.
Bild: Zar Bombe (Nachbau) Tsar Bomba Revised“ von User:Croquant with modifications by User:Hex – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.