Schon mal von photonengläubigen Einsteinisten gehört?

0

Nein? Das ist durchaus nachvollziehbar, denn der photoelektrischen Effekt, den Albert Einstein 1905 formulierte und für die er 1921 den Nobelpreis erhielt, wird durch die Quantenhypothese erklärt und ist in der Wissenschaft weitgehend anerkannt und gilt als eine ziemlich gute Theorie.
Kernaussagen sind zum Beipiel:
– Photonen bewegen sich im Vakuum stets mit Lichtgeschwindigkeit.
– Photonen tragen keine Ruhemasse.
– Die Energie eines Photons ist Abhängig von seiner Frequenz.
– Mit der Einsteinschen Masse-Energie-Äquivalenz ergibt sich die Masse (nicht Ruhemasse!) eines Photons.
– Der Impuls eines Photons verhält sich wie in der klassischen Mechanik.
– Photonen tragen keine Ladung.

Warum erzähl ich das alles? Nun obwohl hier offensichtlich keine strittigen Aussagen stehen, bleibt der Quantentheorie und das Photon selbst eine Theorie.

Nur eine Theorie

Die Evolution ist auch eine Theorie. Und genau dieser Umstand wird ihr von religiöser und kreationistischer Seite oft zum Vorwurf gemacht. Die biblische Schöpfung ist nämlich keine Theorie! Und deshalb ist sie aus Sicht der Kreationisten näher an der Wahrheit, als so eine „Theorie“. Hier soll es gar nicht weiter um Kreationismus selbst gehen, das ist ein ganz eigenes Themenfeld, das hier sicherlich noch genug behandelt werden wird. Hier soll es um den oft missverständlichen Begriff der Theorie gehen.

Eine Theorie ist im umgangssprachlichen Verständnis die Vorstufe einer Erkenntnis. „Ich habe eine Theorie, jetzt muss ich die nur noch beweisen“. Wikipedia jedoch sagt einfach: „Eine Theorie ist ein System von Aussagen, das dazu dient, Ausschnitte der Realität zu beschreiben beziehungsweise zu erklären und Prognosen über die Zukunft zu erstellen.“

Die Periheldrehung der Bahn eines Planeten. Die Exzentrizität der Bahn und der Betrag der Drehung sind gegenüber der realen Periheldrehung des Merkur schematisch übertrieben. „Perihelion precession“ von Original uploader was Markus Schmaus at en.wikipedia - Transferred from en.wikipedia. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Die Periheldrehung der Bahn eines Planeten. Die Exzentrizität der Bahn und der Betrag der Drehung sind gegenüber der realen Periheldrehung des Merkur schematisch übertrieben.
Perihelion precession“ von Original uploader was Markus Schmaus at en.wikipedia – Transferred from en.wikipedia. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Dabei ist absolut wichtig, zu verstehen, dass es keine „nächste Stufe“ über der Theorie gibt, die Theorie ist eben keine Vorstufe, sondern das Endprodukt wissenschaftlicher Forschung. Die Theorie beansprucht dabei nie für sich, und das ist so schwer zu akzeptieren, die Wahrheit zu sein, sondern eben nur der bislang beste Erklärungsversuch. Dass das gut so ist, sieht man am besten bei einem Blick ins Geschichtsbuch. Als Sir Isaac Newton seine Theorie der Gravitation veröffentlichte und die Formeln das Leben absolut präzise darstellten, hätte man behaupten können, das ist die Wahrheit. Später stellte sich jedoch heraus, dass Newtons Theorie nicht jedes beobachtbares Phänomen erklären konnte.
Über lange Zeiträume beobachtet weichen die Bewegungen vieler Himmelskörper in gering von den Vorhersagen der Newtonschen Gravitationstheorie ab. So zeigt beispielsweise die Merkurbahn eine winzige Verschiebung des sonnennächsten Bahnpunktes, den die Newtonsche Gravitationstheorie nicht erklären kann. Diese so genannte „anomale Periheldrehung“ beträgt nur 43 Bogensekunden im Jahrhundert. Erst Einstein ist mit seiner Gravitationstheorie, der Allgemeinen Relativitätstheorie, eine überzeugende Erklärung dieses Effekts gelungen.
Damit ist die Newtonsche Theorie immer noch eine Theorie und auch eine, die im Alltag absolut tauglich ist. Aber Sie konnte eben in Teilen falsifiziert werden.

„EpizykelBahn“ von Benutzer:Marc Layer - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

EpizykelBahn“ von Benutzer:Marc LayerEigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Anderen Theorien ergeht es nicht so gut. Das ptolemäische, geozentrische Weltbild beispielsweise, wurde von Tycho Brahe erst verbessert, damit bereits falsifiziert aber grundsätzlich anerkannt gelassen und ist schließlich durch das kopernikanische, heliozentrische Weltbild komplett falsifiziert worden. Dabei ist so ziemlich jeder Aspekt als falsch erkannt worden, Ptolemäus wurde von Kopernikus nicht „verbessert“ wie Newton von Einstein, sondern komplett zerstört.

Falsifizierbarkeit

Eine Theorie muss in ihrer Formulierung demnach das Auftreten von empirisch beobachtbaren Tatsachen verbieten, um an der Realität scheitern zu können. Das bedeutet, dass laut dieser Theorie irgendetwas nicht passieren darf. Dann kann die Theorie einfach dadurch falsifiziert werden, dass man das was gemäß der Theorie angeblich nicht passieren kann/darf eben doch beobachtet.
Beispiel-Theorie: „Die Erde ist der Mittelpunkt des Universums, alles dreht sich um die Erde“ (Ptolemäus)
Diese Theorie verbietet die empirisch beobachtbare Tatsache „Mond dreht sich zwar um Erde, aber Mond und Erde drehen sich um die Sonne“. Sie ist widerlegt, sobald jemand beobachtet, dass sich die Erde um die Sonne dreht.
Eine Aussage, die keinerlei Einschränkung (kein „Verbot“ bezüglich) der beobachtbaren Tatsachen macht, ist demnach keine Theorie. Eine solche Aussage kann durch nichts widerlegt werden, da sie ja zu keinem beobachteten Zustand im Widerspruch steht.
Beispiel: „Alles was passiert, ist das Wirken eines Gottes.“ -> Behauptung ist nicht widerlegbar -> Es ist keine Theorie -> unwissenschaftlich!
Es bleibt also festzuhalten, dass eine Theorie nie abschließend als „die Wahrheit“ anerkannt wird, das heißt aber nicht, dass die daraus gezogenen Schlüsse nicht zutreffend sind. Die Allgemeine Relativitätstheorie ist mittlerweile durch Experimente und Messungen so genau bestätigt (auf 17 Stellen hinter dem Komma!), dass man sich ruhig darauf verlassen kann, auch wenn es nur eine Theorie ist.
Gleiches gilt für die Evolutionstheorie. Kaum eine Theorie ließe sich leichter falsifizieren als diese. Nur ein einziger Knochen in einer falschen Erdschicht, nur ein Ausreißer in die falsche Richtung. Kaum eine Theorie wurde in den vergangenen 150 Jahren härter attackiert, bislang ohne den geringsten Erfolg. Auch die Evolutionstheorie wird kontinuierlich angepasst und verbessert, aber der Grundsatz der Entstehung der Arten durch natürliche Selektion bleibt erhalten. Allen fundamentalistischen und bildungsfeindlichen Bibelschwingern zum Trotz.
Also seid entspannt, wenn euch ein Spinner „evolutionsgläubiger Darwinist“ nennt, gibt Schlimmeres!

0%
0
Awesome
  • User Ratings (2 Votes)
    6.7
Share.

About Author

Leave A Reply